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Liebe Marion, wie wird man eigentlich Veganer?

Interview vegane Ernährung

Gouda, Mozzarella, Butterkäse, Bavaria Blue, Feta, Camembert, Romadur, Frischkäse, … Während andere Kinder Dinosaurier-Experten sind, kann unser Vierjähriger Käsesorten aufzählen. Ich lebe seit knapp zehn Jahren vegetarisch (oder zeitweise pescetarisch). Lust auf Fleisch habe ich seither höchstens ein bis zweimal im Jahr. Und auch im Familienalltag war es bisher kein Problem, den Fleischkonsum der nicht-vegetarischen Familienmitglieder auf ein Minimum zu beschränken (außer, dass ich regelmäßig mit den Kindern um meinen Wurst-Ersatz kämpfen muss, den ich mir selten gönne). Alles lief gut. Aber dann traf ich Marion.
Marion sieht sich als
Botschafterin für pflanzliche Ernährung und ich hörte dazu von ihr im kleinen Rahmen einen Vortrag zum Thema Vegane Ernährung. Seither bin ich auf Entzug von meinem geliebten Käse – und begeistert und erstaunt, wie gut es klappt. Und weil Marion so toll und motivierend erzählt, musste ich sie mir gleich schnappen und ein paar Fragen stellen.

Larissa: Liebe Marion, wie wird man eigentlich Veganer?

Marion: Ich finde es sehr wichtig, sich zuerst über seine Motivation im Klaren zu sein, denn nur so kann man den richtigen Zugang für sich selbst wählen und seine Position nach außen klar vertreten. Steht die Vermeidung von Tierleid bei mir im Vordergrund? Geht es mir mehr um den gesundheitlichen Aspekt? Will ich wirklich 100 % vegan werden? Oder bin ich einfach nur neugierig auf die vegane Küche und neue Rezepte? Alle diese Gründe sind gut und wichtig, man sollte seine eigenen nur kennen.
Im zweiten Schritt sollte man sich überlegen, welche Methode zu einem passt, auch das kann ganz individuell sein. Manche entscheiden sich, quasi über Nacht vegan zu werden und brechen von heute auf Morgen mit bisherigen Gewohnheiten. Das mag für manche funktionieren, ich wage jedoch zu behaupten, dass diese radikale Methode für die meisten nicht geeignet ist. Die Wahrscheinlichkeit zu scheitern und das Konzept „vegan“ dann wieder ganz fallen zu lassen, ist einfach enorm groß. Ich bin ein großer Freund der kleinen Schritte und für den Anfang reicht es vielleicht, einen veganen Tag pro Woche auszuprobieren oder einmal am Tag vegan zu essen. Und wenn man dann ein verlässliches Repertoire an veganen Gerichten und Gewohnheiten kennt, kann man immer konsequenter werden. Bei mir hat die Entwicklung insgesamt ein gutes Jahr gedauert und das habe ich auch gebraucht, um Sicherheit und Routine in der veganen Ernährungsweise zu entwickeln.
Eine wichtige Rolle spielt auch der individuelle Zugang zum Thema Veganismus. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich dem Thema zu nähern und nicht alles ist für jeden geeignet: Du bist der Typ, der erstmal die Theorie verstehen will? Dann sind Bücher und Online-Foren zum Thema für dich vielleicht prima. Andere (dazu gehöre ich!) erkochen sich die vegane Welt über den eigenen Teller und finden Inspirationen in Foodblogs, Pinterest und veganen Koch- und Backbüchern. Eine regionale Biokiste bringt die saisonale Gemüsevielfalt ins Haus, vegane Ersatzprodukte im Supermarkt erleichtern den Abschied von Würstchen, Käse und Co. Kochmuffel wiederum schlemmen sich durch die multikulturelle Länderküche, die oft hervorragende pflanzliche Alternativen bietet (zum Beispiel Tofu-Gerichte in der asiatischen Küche, Linsen- und Gemüsecurries beim Inder oder Falafel und Hummus in arabischen Restaurants). Auch sogenannte „Challenges“, in denen man nach einem bestimmten Programm für einen bestimmten Zeitraum vegan isst können ein guter Einstieg sein!
Kurz gesagt: Alles was Freude macht, ist erlaubt. Aber bitte kein Druck! Es muss nicht jeder aus dem Stand zum Vorzeige-Veganer werden. Wenn immer mehr Menschen immer weniger tierische Produkte konsumieren, dann geht das Ganze in die richtige Richtung und jeder kann dazu einen Beitrag leisten. Und wenn es – erstmal – nur an einem Tag pro Woche ist.

Gemüse vegan

Wie bist du dazu gekommen, dich vegan zu ernähren? Welche Vorteile siehst du für dich?

Mein Weg zur veganen Ernährung hat ca. zwei Jahre gedauert und war überhaupt nicht geplant. Ich habe aus einem spontanen Impuls heraus aufgehört, Fleisch zu essen. Immer öfter habe das Tier hinter dem Gericht gesehen und wollte das dann einfach nicht mehr zu mir nehmen. Dabei liegt es definitiv nicht am Geschmack, denn ich mochte Fleisch immer gerne und habe es zwar nicht in Unmengen aber doch mit Genuss gegessen und auch zubereitet. Am Anfang dachte ich eher, schauste mal, wie lange du das jetzt machst, wenn du wieder Lust hast, kannst du ja wieder Fleisch essen. Überrascht war ich dann aber, wie wenig es mir gefehlt hat. Im Gegenteil: Je länger ich darauf verzichtet habe, desto absurder erschien mir die Idee, wieder Fleisch zu essen. Nach etwa drei Monaten war mir klar: Das ist jetzt für immer vorbei. Suksessive habe ich dann auch immer mehr Milchprodukte, Eier und Fisch von meinem Speiseplan gestrichen. Einerseits aus Neugierde: Wie kann ich gewohnte Produkte ersetzen oder weglassen und trotzdem gut essen? Und andererseits weil sich durch den Verzicht auf Fleisch mein Blickwinkel auf tierische Lebensmittel generell verändert hat.

Wie ist es dazu gekommen?

Ein sehr einschneidendes Erlebnis für mich war zum Beispiel der Besuch eines Milchbetriebs: Freunde von uns hatten uns bei einem Spaziergang dorthin mitgenommen, um das Melkkarussell zu bestaunen. Was als Attraktion – vor allem für die Kinder – gedacht war, hat mich eher erschüttert: Mehr als dreißig Kühe, die in einer riesigen Maschinerie im Kreis gedreht und dabei gemolken werden, das hat sich für mich als Sinnbild eingebrannt, für die Entmenschlichung der Tierhaltung und Lebensmittelproduktion. Diese Kühe waren bestimmt nicht glücklich, sondern nur noch Produktionsmittel. Von grünen Weiden und artgerechter Lebensweise konnten diese armen Wesen nicht mehr als eine vage Ahnung haben. Und dabei war das sogar noch ein Vorzeige-Betrieb, der Besuchern bereitwillig und stolz seine Türen öffnet! Mir wurde auf eindringliche Weise bewusst: Das ist die Realität, nicht nur hier, nicht nur bei Kühen. Natürlich wissen wir alle, dass unsere Milch nicht aus Bullerbü kommt, aber wir verdrängen es doch sehr gerne. Mir ist das nach diesem Erlebnis einfach nicht mehr gelungen und der Weg zur tierfreien Ernährung war nur eine logische Konsequenz.

Gibt es noch einen Grund außerhalb der ethischen Sichtweise?

Ich mache seit mehreren Jahren Yoga. Ein fester Bestandteil der Jivamukti-Praxis ist das Mantra „lokah samastah sukhino bhavantu“. Das bedeutet sinngemäß: „Mögen alle Lebewesen überall glücklich und frei sein. Mögen meine Gedanken, Worte und Taten zum Glück und zur Freiheit aller beitragen“. Ein Grundsatz, der sehr gut zu meiner Lebensphilosophie passt. Irgendwann habe ich dann gespürt, dass sich dieser Grundsatz für mich nicht mehr mit dem Wissen vereinbaren lässt, welche Konsequenzen die Produktion tierischer Produkte wie Fleisch, Milch und Eier mit sich bringt (nämlich in der Regel NICHT Glück und Freiheit). Auf einem Yoga-Retreat, bei dem wir ausschließlich pflanzlich bekocht wurden, ist dann endgültig meine Begeisterung für die Vielfalt der kreativen Gemüseküche entflammt. Da habe ich gesehen, dass ich beides aufs Beste verbinden kann: meinen persönlichen Werten folgen und gleichzeitig meine Leidenschaft für genussvolles Kochen und Essen ausleben.
Apropos vegan: zu meinem persönlichen Schwerpunkt passt eigentlich der Begriff „pflanzenbasierte Ernährung“ besser, da ich noch weit davon entfernt bin, in ALLEN Lebensbereichen vegan zu handeln. Leider ist er nicht so griffig und bekannt und geht nicht so geschmeidig über die Lippen, daher verwende ich in der Regel doch das Wort „vegan“. Wenn es um meinen persönlichen Lebensstil geht, ist es mir aber nicht so wichtig, mich auf ein starres Konzept zu versteifen und ein bestimmtes Etikett zu präsentieren, sondern so gut wie möglich im Einklang mit meinen Überzeugungen zu leben. Daher würde ich mich auch nie selbst als Veganerin bezeichnen. Bis jetzt zumindest nicht.

Veganism Is Magic

Welche Vorteile siehst du mit einer veganen Lebensweise für die Allgemeinheit?

Am Anfang einer veganen Ernährung stehen meist ethische Gründe: Man möchte nicht mehr zum Tod von Lebewesen und deren mitunter prekären Haltungs- und Schlachtbedingungen beitragen. Aber selbst, wenn einem das Tierwohl egal ist und man mit dem Umstand des Tötens von Nutztieren grundsätzlich kein Problem hat, gibt es trotzdem gute Gründe, weniger tierische Produkte zu konsumieren oder völlig darauf zu verzichten. Und zwar der Umwelt zuliebe.
Die heute etablierte Massentierhaltung spielt nämlich eine extrem große Rolle bei der Zerstörung unserer Umwelt. Vom Methan, dass die Kühe in die Atmosphäre pupsen hat man vielleicht schon mal gehört, aber das Ausmaß ist den wenigsten heute bewusst. Neben dem Methan-Ausstoß produziert die intensive Tiernutzung noch jede Menge CO2 durch Verarbeitung, Transport, Weiterverarbeitung, usw. Somit gehen tatsächlich mehr als 50 % aller weltweit emittierten Treibhausgase auf das Konto der Nutztierhaltung. Eine Tatsache, die den meisten Menschen unbekannt ist und die in der Debatte um E-Mobilität und Kohlekraft meist untergeht. Eine weiteres globales Problem ist die Abholzung von Urwaldflächen zur Tierhaltung und – das ist der Hauptzweck – Futtermittelanbau in Südamerika. Auf diesen Flächen wird hauptsächlich Soja angebaut (in der Regel genmanipuliert), welches als Tierfutter in die ganze Welt verkauft wird. Oft hört man als Vegetarier oder Veganer den beliebten Tofu-Witz, „Ihr esst meinem Essen das Essen weg“ – in der Tat ist es genau anders herum: 80 % des weltweiten Soja-Ertrags wird zu Tierfutter verarbeitet. Die paar Bohnen für den Tofu, der in Deutschland verkauft wird kommt in der Regel aus Europa und ist – wenn Bio-Qualität – nicht genmanipuliert.
Aber man muss nicht bis nach Südamerika gehen, die Probleme lassen sich auch vor unserer Haustür nicht mehr übersehen: Seit Jahren überschreitet Deutschland die von der EU vorgegebenen Grenzwerte für die Nitrat-Belastung der landwirtschaftlich genutzten Flächen – ein Problem, das durch die übermäßige Ausführ von Gülle entsteht. Denn selbst wenn Rinder, Schweine und Hühner in großen Stallanlagen, fern vom Auge des Konsumenten, gehalten werden – irgendwo muss die Scheiße ja hin. Und wird langsam zur untragbaren Belastung für die Böden, die durch intensive Monokultur-Nutzung und Pestizideinsatz ohnehin schon kaputt und ausgelaugt sind.
Es lässt sich also relativ einfach zusammenfassen: Weniger Massentierhaltung, weniger Umweltprobleme. Und damit mehr Lebensqualität für die Allgemeinheit.

Die Empfehlungen für eine gesunde Ernährung ändern sich ständig. Manche sagen, dass vegane Ernährung besonders gesund ist, andere sehen darin einen gefährlichen Trend. Wie schätzt du das ein?

Es ist nicht ganz neu, dass der Verzehr von Obst und Gemüse als gesund gilt und der übermäßige Genuss von Fleisch und tierischen Fetten zu unerfreulichen gesundheitlichen Folgen wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen oder Diabetes führen kann. Glaubhafte Studien und Forschungsergebnisse belegen, dass das Ausmaß, in dem wir heute Fleisch und andere tierische Lebensmittel verzehren, im direkten Zusammenhang mit den oben genannten Zivilisationskrankheiten steht und ein Verzicht auf tierische Nahrungsmittel diese vermeiden bzw. sogar heilen kann. Selbst die Entwicklung von einigen Krebsformen wird von etablierten Forschern (ich empfehle die Lektüre der „China Study“ von Colin Campbell) mit einer tierischen Ernährungsweise assoziert. Ich bin weder Mediziner noch Ernährungswissenschaftler, dennoch glaube auch ich, dass eine überwiegend pflanzliche Ernährung den Menschen vor vielen der heutigen Überflusskrankheiten schützen kann und zu einem gesunden Lebensstil maßgeblich beiträgt.
Ob man jetzt zu 100 % vegan leben muss, um individuell gesundheitlich am meisten zu profitieren, darüber kann ich nur spekulieren. Außerdem ist vegan natürlich auch nicht gleich vegan: Wer sich überwiegend von Pommes Frites, veganer Schokolade und Erdnussbuttertoast ernährt, lebt bestimmt nicht gesünder, als jemand der in seine Vollwertkost mit viel Obst und Gemüse hin und wieder ein Stück Fleisch einbaut.
Am Ende geht es mir darum, für seine Gesundheit und Ernährung Verantwortung zu übernehmen und mit Maß, Verstand und nicht zuletzt Freude zu essen. Wer auf die Signale seines Körpers hört und sich informiert, wird den richtigen Weg für sich finden. Und wenn dabei ein überwiegend tierfreier Speiseplan herauskommt, schadet das bestimmt nicht – im Gegenteil.

Als Vegetarierer, und als Veganer sicherlich noch viel mehr, ist man ständigen Vorurteilen und Anfeindungen ausgesetzt. Warum reagieren die Leute so empfindlich auf das Thema?

Ich kenne das selbst aus eigener Erfahrung und bin ehrlich gesagt überrascht, wie oft man sich für diesen Lebensstil rechtfertigen muss. Aussagen wie „Dann kannst Du ja gar nichts mehr essen!“ und „Vegetarisch geht ja noch, aber vegan!?!“ gehören da noch zu den harmlosen Reaktionen. Ich denke es hat zwei Gründe, warum viele Menschen so reagieren.
Erstens: Verunsicherung und Unwissen. Vor allem im engeren Umfeld führt die Aussage „Ich lebe jetzt vegan“ ja zu vielen konkreten Fragen, auf die die meisten erstmal keine Antwort parat haben: Was koche ich, wenn ich die Person jetzt zum Essen einlade? Können wir noch gemeinsam essen gehen/in Urlaub fahren/Grillfeste feiern? Es werden etablierte und lieb gewonnene Rituale und Traditionen in Frage gestellt – und damit wichtige Bestandteile der Beziehung, sei es in der Familie oder in Freundschaften. Gleichzeitig wissen viele einfach zu wenig über vegane Ernährung, um damit entspannt umgehen zu können. Wenn ich dann erklären kann, dass man natürlich weiterhin gemeinsam zum Stamm-Italiener gehen kann (und ich dann einfach eine Pizza ohne Käse bestelle oder den Parmesan auf den Spaghetti Napoli weg lasse) oder ich deshalb nicht gleich die Kinder aus dem Kindergarten (mit omnivorem Mittagstisch) abmelde, dann entspannen sich die meisten wieder. Und wenn ich dann noch einen veganen Kuchen zum nächsten Kaffeekränzchen mitbringe, der allen schmeckt, fühlt sich die Distanz gleich nicht mehr so groß an.

Und zweitens?

Der zweite Grund, warum man oft offensiv oder sogar aggressiv angegangen wird, sitzt meines Erachtens etwas tiefer und ist schwerer aus der Welt zu schaffen: Viele Menschen, fühlen sich durch den veganen Lebensstil anderer offensichtlich in ihrer Lebensweise kritisiert oder sogar angegriffen. Es ist ja kein Geheimnis, dass sich die meisten vegan lebenden Menschen aus ethischen und gesellschaftsrelevanten Gründen für diese Lebensweise entscheiden. Und auch wenn es nicht offen ausgesprochen wird, so signalisiert ein vegan lebender Mensch doch, dass er es nicht gut findet, Fleisch und andere tierische Produkte zu konsumieren. Da ist immer eine Wertung dabei, egal wie zurückhaltend oder neutral man sich verhält. Der Lebensstil des anderen (den man unter Umständen selbst bis vor kurzem noch gepflegt hat) wird in Frage gestellt und viele haben dann den Impuls, in die Defensive zu gehen. Ich denke, das ist ganz normal, gleichwohl ist es nicht immer schön und manchmal sehr anstrengend. Oft kommt der stärkste Gegenwind aus der Richtung, aus der man am wenigsten damit gerechnet hat, zum Beispiel aus der eigenen Familie oder von engen Freunden. Ich habe keine Patentlösung für solche Situationen, aber es hilft auf jeden Fall, Klarheit über seine eigenen Überzeugungen zu haben und immer bereit für einen konstruktiven Dialog zu sein.

Marion möchte eine Art „Botschafter für die Pflanzliche Ernährung“ sein und ihre Motivation und ihr Wissen in Seminaren und Workshops weitergeben. Ein Traum wäre auch, einen veganen Supper Club oder einen veganen Mittagstisch zu etablieren. Sie freut sich über Sparringpartner und Verbündete. Vielleicht gehörst du dazu? Besuch sie doch auf Xing!

Marion

Viele halten vegane Ernährung für genussfeindlich. Was entgegnest du diesem Vorurteil?

Ich bin überzeugt davon: Wer vegane Ernährung für genussfeindlich hält, hat schlicht und ergreifend noch nicht gut vegan gegessen. Viele setzen Veganismus mit „Gemüse essen“ gleich und haben rohe Karotten und langweilige Salatblätter (ohne Putenstreifen oder Schafskäse) vor Augen. Natürlich: Wenn man die klassische deutsche Küche nimmt und das Fleisch (das ja meist das Zentrum bildet) weglässt, dann bleiben nur ein paar traurige Beilagen zurück. Das hat dann mit Genuss tatsächlich nicht mehr viel zu tun. Dabei ist die vegane Küche unglaublich vielfältig und extrem lecker, man muss sich nur darauf einlassen und – selbst kochen! Daran führt meines Erachtens leider kein Weg vorbei, denn gute vegane Restaurants sind selbst in deutschen Großstädten noch nicht an jeder Ecke zu finden. Wer den Kochlöffel nicht scheut und etwas Experimentierfreude mitbringt, der findet heute für beinahe jedes Gericht eine vegane Variante, von Spaghetti Bolognese aus Tofu bis zum „nachgebauten“ Spiegelei – Foodblogs und Social-Media-Kanäle sind voll davon. Noch viel spannender wird es meiner Meinung nach aber, wenn man nicht mehr versucht, bekannte (Fleisch-)Gerichte nachzuahmen, sondern pflanzliche Lebensmittel in den Mittelpunkt stellt. Eine im Ofen gegarte Sellerieknolle kann göttlich schmecken!

Warum fällt den meisten von uns der Verzicht so schwer?

Wir kennen das doch aus vielen anderen Lebensbereichen: Geld sparen, Rauchen aufhören, keine Schokolade mehr essen, mehr Sport treiben … der Mensch ist erstens bequem und zweitens ein Gewohnheitstier. Auch unsere Nahrungsaufnahme funktioniert nach antrainierten Mustern und Gewohnheiten, wir hinterfragen ja nicht jeden Tag dreimal, was wir da essen sondern haben liebe Gewohnheiten und natürlich auch ein bestimmtes Geschmacksempfinden entwickelt. Eine Umstellung der Ernährung stellt in unserem Alltag eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar, denn ich muss – zumindest erstmal – mehr Energie in die Auswahl und Zubereitung von Lebensmitteln investieren als gewöhnlich. Außerdem muss man sich ggf. an neue Geschmäcker und Texturen gewöhnen, z. B. bei der Umstellung von Kuhmilch auf pflanzliche Alternativen. Mit vielen Gerichten verbindet man außerdem noch soziale und kulturelle Geborgenheit (der berühmte Sonntagsbraten!), da geht es ja um mehr als nur das Essen auf dem Teller. Kein Wunder, dass Verzicht da nicht immer leicht fällt. Ich glaube jedoch: Wenn man seine Gründe kennt und nicht zuviel auf einmal will, dann schafft man die Umstellung auf eine vegane Ernährung auf jeden Fall und mit Gewinn. Denn nur wer sich Zeit lässt und nicht sofort wieder aufgibt, entwickelt neue Geschmacksvorlieben und auch Küchentraditionen, die peu à peu die alten Gewohnheiten und Gepflogenheiten verblassen lassen.

Was ist dir am schwersten gefallen?

Keinen Käse mehr zu essen – das habe ich noch ziemlich lange getan. Heute weiß ich, dass in der Milch ein Hormon ist, das bei den kleinen Kälbchen die Trinklust fördert. Es will also immer mehr von der Muttermilch trinken und das macht für das Kälbchen ja auch Sinn. Dieser Botenstoff wirkt jedoch auch beim Menschen ganz prima und macht uns quasi süchtig nach Milch. In Käse, der ja nichts anderes ist, als sehr konzentrierte Milch, wirkt dieser Botenstoff besonders stark und deshalb fällt es vielen Menschen so schwer, auf ihn zu verzichten. Falls man das wirklich möchte: Das einzige was hier hilft, ist „Entzug“. Bei mir ist die Lust auf Käse nach etwa drei Wochen Verzicht völlig weg gewesen, und ich hätte das vorher nie für möglich gehalten. Vegane Ersatzprodukte (und da gibt es inzwischen sogar ganz passable) können helfen, den „Entzug“ zu mildern und sich langfristig vom Tiermilch-Käse zu verabschieden.

Buddha Bowl

Vegane Produkte, z. B. Milchalternativen, sind in der Regel sehr viel teurer als konventionelle Lebensmittel. Ist Veganismus ein Luxustrend? Und was müsste sich in der Politik bewegen, um das zu ändern?

Tatsächlich werden vegane Milchalternativen mit dem Regel-Umsatzsteuersatz von 19 % besteuert, während man auf Kuhmilch nur 7 % zahlt. Der Staat fördert somit die Milchwirtschaft und trägt dazu bei, dass keine Preisgerechtigkeit stattfinden kann. Ein Zustand, der auf jeden Fall geändert gehört! Allerdings halte ich es auch für ein hartnäckiges Vorurteil, dass vegane Ernährung immer teuer ist. Ja, es stimmt, wenn man hauptsächlich aufwendig produzierte und clever vermarktete vegane Fertigprodukte (vegane Grillwürstchen, vegane Schokolade, vegane Kekse, vegane Energieriegel …) konsumiert, mag das stimmen, denn diese sind in der Regel teurer als die nicht-veganen Varianten. Wenn man jedoch hauptsächlich mit frischen Lebensmitteln (Obst, Gemüse) und hochwertigen Grundprodukten (Getreide, Hülsenfrüchte, gute Öle) kocht, dann behaupte ich, dass man sogar weniger Geld ausgibt, als vorher – gesetzt den Fall, man hat Fleisch, Käse und Eier nicht ausschließlich zu Dumping-Preisen beim Discounter geholt, sondern auch vorher schon Wert auf Bio-Qualität gelegt.
Ja, die Angleichung der Besteuerung wäre ein wichtiges politisches Signal. Aber noch wichtiger fände ich eine konsequente Förderung der ökologischen Landwirtschaft, eine Unterstützung der regionalen und saisonalen Vermarktung und eine generell Stärkung des Bewusstseins für Lebensmittelqualität in der Bevölkerung.

Dein Antrieb ist der Spaß am Kochen. Mir persönlich fällt das eher schwer. Für Kochmuffel wie mich bedeutet eine vegane Ernährung großer Zusatzaufwand. Hast du einen Tipp für Faule?

Hm … diese Frage zu beantworten fällt mir gar nicht so leicht, weil Kochmuffel sein in meiner Welt praktisch nicht vorkommt. Meine Empfehlung wäre es, sich erstmal anzuschauen, was man im Alltag so isst (bzw. zubereitet) und diese Gerichte nach und nach zu „veganisieren“. Man findet eigentlich beinahe für alles eine vegane Variante: Machst du oft Nudeln? Tomatensoße ist z. B. vegan und Parmesan-Ersatz kann man ganz fix aus gemahlenen Nüssen, Salz und Hefeflocken mischen. Seid ihr eher die Brotzeit-Typen? Dann probiert euch durch die veganen Wurst- und Käsealternativen und testet unterschiedliche Tofu-Sorten (von Mango-Curry bis Schwarzwald-Aroma gibt es da inzwischen jede Menge leckerer Sorten, die auch kalt auf Brot gut schmecken). Ihr mögt Kartoffeln mit Quark? Sojaquark gibt es inzwischen in jedem Supermarkt, ein paar Kräuter (gerne aus dem Tiefkühlfach) machen daraus im Handumdrehen einen feinen Kräuterdip. Ihr esst oft frische Pasta wie Ravioli, Schupfnudeln oder Maultaschen? Im Bio-Supermarkt gibt es diese auch in der veganen Ausführung. Ich könnte noch ewig weiter machen … also einfach anfangen und ausprobieren. Oder mich fragen!
Und wer wirklich Null-Komma-Null Aufwand in der Küche haben möchte, für den gibt es inzwischen eine ordentliche Auswahl an Fertiggerichten, angefangen bei veganen Bulletten, veganen Würstchen, fleischlosen Burger-Patties, fertigen Gemüse-Curries und Suppen im Glas … sogar vegane Fertig-Pizzas habe ich schon gesehen.
Trotz der stetig wachsenden Auswahl im Supermarktregal würde ich trotzdem jedem empfehlen, soviel wie möglich selbst zuzubereiten. Manchmal kommt der Appetit ja beim Essen, bzw. vielleicht der Spaß beim Kochen … tatsächlich habe ich schon von vielen Veganern gehört, dass sie erst mit dem Umstieg auf die tierfreie Ernährung ihre Leidenschaft fürs Kochen entwickelt haben. Wer weiß, vielleicht gilt das ja auch für dich?

Du hast drei Kinder – wie integrierst du vegane Ernährung in euren Familienalltag?

Mein größte Herausforderung! So begeistert und überzeugt ich selbst von der pflanzlichen Ernährung bin, meine Familie teilt diese Begeisterung leider nicht annähernd. Sowohl meine Kinder als auch mein Mann (vor allem mein Mann!) stehen dem Konzept „tierfrei essen“ eher skeptisch gegenüber und schmecken extra kritisch hin, wenn ein Essen den Verdacht erweckt, besonders vegan zu sein.
Was soll ich sagen? Vielleicht wäre es anders, wenn die Kinder von Anfang an mit veganem Essen am Familientisch aufgewachsen wären, aber das ist nun mal nicht der Fall. Und mein Fall ist es nicht, zu missionieren. Ich lebe meine Überzeugung jeden Tag vor, aber jeder in unserer Familie soll die Freiheit haben – natürlich in einem gewissen Rahmen – über seine Ernährung selbst zu entscheiden. Und wenn meine Kinder weiterhin Fleisch und Milch haben wollen, dann verweigere ich es ihnen nicht. Trotzdem versuche ich ihnen ein Bewusstsein mitzugeben, dass diese Lebensmittel von Lebewesen stammen und fordere eine maximale Wertschätzung dafür ein.
Es gibt bei uns also weiterhin Schinken aufs Pausenbrot und Fischstäbchen auf dem (veganen) Kartoffelbrei – dafür aber nicht mehr so viel und Fleisch konsequent ausschließlich in Bio-Qualität. Und natürlich koche ich wacker und unermüdlich gegen die Familien-Skepsis an und versuche meine Lieben immer wieder mit leckeren veganen Gerichten zu kapern. Dabei schöpfe ich die Möglichkeiten so kreativ wie möglich aus und habe schon viele Kinder-Favoriten in unserem Alltag etabliert: selbst gemachte Pommes aus frischen Kartoffeln: Vegan! Selbstgemachte Nutella aus Haselnüssen, Kokoszucker und Kakao: Vegan! Pfannkuchenteig mit Sojamilch statt Ei: Vegan! Spaghetti Bolognese mit Linsen: Vegan! Falafel im Fladenbrot: Vegan! Die weltbesten Schoko-Cookies: Vegan!
Das Erfolgsrezept dabei? Niemals sagen, dass es vegan ist.
Und kleine Fortschritte gibt es dann doch: Neulich hat uns unser mittlerer Sohn (8) mitgeteilt, dass er beschlossen hat, in der Fastenzeit auf Fleisch zu verzichten. Er hält es erstaunlich konsequent durch und darüber freue ich mich natürlich!

Fotos: Unsplash
Portrait: privat

Larissa//No Robots Magazine
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