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Und es ist DOCH eine Krankheit! (Manchmal zumindest.)

Schwangere Frau

Ich habe es dir nicht erzählt, aber ich war vor einer Weile sehr lange krank. Es fing mit einem leichten Bauchschmerz an, wurde aber sehr schnell schlimmer. Bald konnte ich nur noch auf dem Sofa liegen, wochenlang die Augen kaum offen halten. Mir war permanent schlecht, irgendwann konnte ich nur noch kleine Mengen essen und bekam dabei so starkes Sodbrennen, dass ich unter furchtbaren Halsschmerzen litt. Nachts konnte ich nicht schlafen, weil meine Beine schmerzten, und bald zog mein rechtes Bein so sehr, als hätte ich wochenlang fiesen Muskelkater, mit dem ich durch die Gegend humpelte. 

Das ging etwa ein Dreivierteljahr so. Eines Abends wachte ich auf, kurz nachdem ich mich schlafen gelegt hatte, weil ich plötzlich so starke Bauchschmerzen hatte, dass ich mich übergeben musste. Natürlich fuhr ich sofort ins Krankenhaus. Dort gab man mir etwas gegen die Übelkeit, aber die restliche Nacht krümmte ich mich vor Schmerzen und weinte und hoffte, dass es bald vorbei sein würde. 

Um vier Uhr morgens drückte ich einen fast vier Kilo schweren Parasiten aus mir raus. Ich weinte vor Erleichterung. Aber natürlich presst man nicht eben einen Klopps vom Volumen von vier Milchtüten aus sich raus und springt wieder lustig durch die Gegend. Man nähte meine Wunden und ich wollte mich nur ausruhen, ausruhen, ausruhen und glücklich sein, dass diese Krankheit vorbei war. Aber man drückte mir den Parasiten in die Hand und sagte mir, dass ich nun für sein Leben verantwortlich sei. Der Parasit weckte mich alle zwei Stunden, um sich in meinen Brustwarzen zu verbeißen, die bald wund und blutig waren und bei jedem Biss unerträglich schmerzten. Nach vier Tagen schickte mich das Krankenhaus nach Hause. Dort war ich zurück in meinem normalen Leben, in dem ich wie eh und je normal funktionieren sollte, aber nun eben plus die Parasiten-Aufgabe erweitert. Stell dich nicht so an, sagte man. Und ich stellte mich nicht so an.

Klingt nach einem Horrorfilm? Nö, ist einfach nur der unemotionale Bericht einer recht normalen Schwangerschaft und Geburt. Natürlich kommen dann noch die Hormone und Emotionen dazu. Die Erschöpfung, die Traurigkeit und die haltlose Angst, dass man dem Parasiten nicht gewachsen ist. Dass man die Aufgabe nicht hinbekommt. Ach, ja, auch unendliche Liebe und Glück, ja, das auch. Wollen wir mal ganz ehrlich sein und nicht nur jammern.

Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit, sagen sie uns. Häufig natürlich genau die, die gar keine Ahnung haben, wie sich schwanger sein anfühlt. 

Müde Frau auf dem Boden
Von wegen Schwangerschaftsglow: Manchmal möchte man auch monatelang nur da liegen und warten, dass es vorbei geht.

Und dann gibt es noch die anderen.

Vor einer Weile las ich einen Tweet von einer (werdenden?) Mutter, die darüber monierte, dass keiner Verständnis habe, dass sie den Mutterschutz durch arbeiten und gleich nach der Geburt zurück in den Beruf gehen werde. Und die Umstehenden applaudierten und lachten über dieses Weltbild, das noch in zu vielen Köpfen verankert sei. Ich schwieg. Ich war anderer Meinung, aber wer würde mir zuhören? Nein, ich wollte nicht das Hausmütterchen sein, das man in den Fünfzigern vergessen hat. Doch das Gefühl blieb, sagen zu wollen: Nein, ich kann das nicht gut finden, was du da schreibst.

Es gibt sie vielleicht, bestimmt, auch wenn ich noch keine getroffen habe: die Gebährenden, die bis zur ersten Wehe topfit sind, mal eben ihr Kind bekommen und anschließend schmerzfrei und ohne eine Träne zu verdrücken wieder im Büro auf der Matte stehen. Wenn das ihr Leben ist: gerne. Aber den meisten anderen geht es nicht so. Und selbst, wenn sie glauben, sie gehören dazu (oder es vielleicht selbst niemals für möglich hielten), dann erfahren sie es leider auch erst hinterher. Keine hoch motivierte Business-Powermom kann vorhersehen, ob ihr nicht eine traumatische Geburt blüht. Wie sie dem Schlafmangel stand hält, den sie leider nicht wie geplant teilen kann, weil das Baby keine Flasche nimmt. Wie sehr sie der Baby Blues mitnimmt oder sie gar eine echte postpartale Depression erwischt. Oder, dass sie womöglich als eine andere aus dem Kreißsaal heraus geschoben wird. Eine, die es nicht ertragen kann, auch nur zu duschen, ohne ihr Baby zu sehen. All das weiß man eben erst, wenn diese sensible, schmerzhafte Zeit vorbei ist.

Vielleicht fühlt sich dieser Tweet auch in einem Jahr für diese Mutter noch richtig an. Ich gönne es ihr von Herzen. Vielleicht muss sie aber auch den Kopf schütteln, weil ihr Leben ganz anders verlaufen ist, als sie es geplant hat. Weil sie gemerkt hat, dass sie nicht so funktionieren konnte, wie sie es von sich erwartet hat. Wie es von ihr erwartet wurde. Sie trotzdem an ihren Ankündigungen fest hielt, weil sie sich nicht anstellen sollte, nicht anstellen wollte. 
Vielleicht liest sie in einem Jahr einen glorifizierenden Artikel von einer Mutter, die selbstverständlich nach der Geburt ihre Vollzeitstelle wuppt, weil sie einfach das Baby mit zur Arbeit nimmt – während unsere Mutter mit ihrem dauerschreienden Baby auf und ab läuft und sich fragt, wann sie eigentlich das letzte Mal einen klaren Gedanken gefasst hat. Und sie fühlt sich schlecht, weil sie unendlich müde ist. Und weil sie das schlechte Gewissen plagt, plötzlich eine jener Hausmütterchen zu sein, über die der Feminismus schimpft. Denn das war doch alles ganz anders geplant gewesen.

Wonder Woman in der Schwangerschaft
Ja, Mutter werden kann (trotz allem Glück und aller Liebe) scheiße sein – man darf sich deswegen trotzdem wie Wonder Woman fühlen.

Nein, das alles ist nicht fair. Es ist sogar ausgesprochen unfair, dass bis auf wenige Ausnahmen nur Frauen von diesen Umständen betroffen sind. Aber so lange Kinder gebährt werden müssen, so lange müssen wir akzeptieren, dass das auch jemand tun muss. Und, ehrlich gesagt, würde ich auch nicht auf diese Erfahrung verzichten wollen, auch wenn ich zweimal ein Dreivierteljahr und darüber hinaus krank war. Denn, ehrlich gesagt, bin ich auch verdammt stolz auf das, was ich da geleistet habe. Und das lasse ich mir von niemandem klein reden. Also akzeptieren wir doch einfach, dass eine Schwangerschaft für viele doch eine Krankheit ist. Und Krankheiten lassen sich nun mal nicht planen – egal, ob man radikale Feministin oder Tradwife ist.

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine
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